Der Standard: „Wien braucht ein Haus für zeitgenössische Musik“

Zeitungsartikel vom Mittwoch den 25. Mai 2011
von Daniel Ender

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Der Standard

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„Wien braucht ein Haus für zeitgenössische Musik“

24. Mai 2011, 17:37
  • Artikelbild: Peter Burwik, geboren 1942 in Hamburg, studierte Dirigieren bei Hans  Swarowsky und Bruno Maderna sowie Theaterwissenschaft bei Heinz  Kindermann. Parallel zu seiner Tätigkeit als Dirigent unterrichtete er  20 Jahre lang an der Wiener Musikuniversität. - Foto: Archiv

    Peter Burwik, geboren 1942 in Hamburg, studierte Dirigieren bei Hans Swarowsky und Bruno Maderna sowie Theaterwissenschaft bei Heinz Kindermann. Parallel zu seiner Tätigkeit als Dirigent unterrichtete er 20 Jahre lang an der Wiener Musikuniversität.

Das ensemble xx. jahrhundert feiert heuer sein 40-jähriges Bestehen – Gründer und Dirigent Peter Burwik über ästhetische Offenheit und Förderungslücken im Kulturbereich

Standard: Der Komponist Ernst Krenek sagte einmal, es sei beim ensemble xx. jahrhundert „mehr als ein Vergnügen, jedem einzeln und allen zusammen zuzuhören“. Was macht das Besondere an Ihrer solistisch besetzten Neue-Musik-Formation aus?

Peter Burwik: Die Mitglieder des Ensembles zeichnen sich natürlich von vornherein durch ein hohes technisches Niveau aus. Das ist aber nicht Ziel, sondern Basis für einen Arbeitsprozess, der jeweils das individuelle Werk auslotet und adäquat realisiert. Das geschieht in einer fast familiären Atmosphäre, in die sich alle rückhaltlos einbringen. Daher haben sich so unterschiedliche Komponisten wie Morton Feldman, Karlheinz Stockhausen, Arvo Pärt oder Steve Reich bei uns verstanden und gut aufgehoben gefühlt, um hier nur einige von vielen zu nennen.

Standard: Vor 40 Jahren war eine Ensemblegründung wie die Ihre keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Pioniertat. Was waren die größten Steine auf Ihrem Weg?

Burwik: Es war eine Zeit der Um- und Aufbrüche. Da gab es unzählige internationale Perspektiven. Das Fehlen einer längerfristigen finanziellen Absicherung hat allerdings in fataler Weise Möglichkeiten verhindert, im internationalen Kontext wichtige Produktionen beizusteuern – etwa eine für Wien geplante Kooperation mit John Cage – und die österreichische Szene im internationalen Diskurs signifikant einzubringen. Insofern ist dann doch grundsätzlich bei uns etwas nicht in Ordnung.

Standard: Wie viele Mitstreiter von damals sind eigentlich heute noch dabei?

Burwik: Die Mitstreiter der ersten Stunde sind naturgegeben nicht mehr dabei. Die aktive Zeit eines ersten Bläsers oder einer aktiven Streicherin ist begrenzt. Bei Pianisten ist das etwas anderes, insbesondere, wenn sie das Format des fulminanten Harald Ossberger haben. Er ist seit 37 Jahren Mitglied. Die in letzter Zeit aufgenommenen Mitglieder sind weiterhin hochbegabte, grundsätzlich offene und neugierige junge Menschen aus vielen Ländern. Demgemäß ist das ensemble xx. jahrhundert immer ein junges Ensemble.

Standard: Ihr Repertoire reicht von Schönberg bis zu aktuellen grenz- und genreüberschreitenden Kompositionen. Dazwischen gibt es im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Stilen. Wie kann man sich in diesem Dickicht zurechtfinden?

Peter Burwik: Das Szenario hat sich seit den 70er-Jahren in seiner Üppigkeit vervielfacht: Damals gab es etwa überhaupt noch keine Einzelperformer, die sich direkt an ein spezifisches Publikum wenden konnten, und die technische Reproduzierbarkeit steckte in den Kinderschuhen. Kulturelle Kommunikation war ganz wesentlich auf Veranstaltungsorte zugeschnitten. Glücklicherweise gab es im damaligen Museum des 20. Jahrhunderts den Direktor Alfred Schmeller, der das Haus öffnete und als kulturellen Kommunikationsmittelpunkt auch für Musik definierte. Solche Offenheit war auch das Motto für unsere Arbeit der vergangenen 40 Jahre. Nur so war es uns möglich, die enorme ästhetische Vielfalt anzugehen.

Standard: 1971 war es Ihr Ziel, Musik der Gegenwart zu fördern und zu verbreiten. Inzwischen hat sich ihre Verbreitung gebessert. Was wären denn aus Ihrer Sicht die aktuellen Herausforderungen?

Burwik: Es gibt eine Vielzahl von begabten, kreativen und aktiven Personen in unserer Gesellschaft. Es fehlt aber eine Plattform, welche die kreativen Kräfte bündelt, damit sie von Seiten des Publikums als Szene für Zeitgenössisches in seinen vielfältigen Ausprägungen wahrgenommen werden können. Die Förderungsmechanismen, mit denen die öffentliche Hand den Kulturbereich unterstützt, müssten grundlegend überdacht werden, um der Kreativität einen nennenswerten gesellschaftlichen Stellenwert einzuräumen. Ich plädiere dringend für die Einrichtung eines Hauses für zeitgenössische Musik in Wien – in all ihren auch genreüberschreitenden Erscheinungsformen – und für die notwendige Neuformulierung von Förderungsschwerpunkten im Kulturbereich. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 25. 5. 2011)

zum Arikel „Prof. Burwik fordert Haus für Neue Musik in Wien“

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