Hannes Schweiger über das exxj-Konzert im Porgy & Bess

SO  17. JUNI 2018
Flirrende Idiom-Legierung
PETER HERBERT/WOLFGANG PUSCHNIG/SUSANNA RIDLER & ENSEMBLE XX. JAHRHUNDERT
Peter Herbert (b), Wolfgang Puschnig (as), Susanna Ridler (voice, electronics)
Ensemble XX. Jhdt-Peter Burwik (conductor)

In den Köpfen und Herzen freigeistiger und aufgeschlossener MusikerInnen hatten stilistische Abschottungen so und so nie einen Platz. Speziell in der Jazzbewegung wird primär barrierefrei gedacht und gehandelt. In der Jetztzeit umso generöser und eloquenter. Einen derart pluralistischen Standpunkt beziehen seit jeher die drei charismatischen Persönlichkeiten aus Österreichs Jazzsphäre, die diesen Abend in unwiderstehliche Musik tauchten. Das Trio mit den beiden Lichtgestalten Puschnig und Herbert kristallisierte sich im Rahmen der Workshop-Idee mit dem Namen [koe:r] der profunden, unkonventionellen Vokalistin und Komponistin Susanna Ridler heraus. Diverse Projekte auch rund um das Thema Musik und Poesie stehen bis dato zu Buche. Aktuell stand die Verflechtung von definierten, im Sinne der europäischen Tradition, mit ad hoc erschaffenen musikalischen Ordnungsprinzipien zur Diskussion. Eine Neigung, die Jazzschaffenden immer schon unter den Nägeln brennt. „Connected Lines“, so der Titel dieses Konzeptes, verknüpft also Regelments und Konstruktivität der Klassik und/oder der experimentellen komponierten Musik des 20./21. Jhdts mit dem Improvisationsdrang des Jazzidioms. Erwachsen ist daraus im jeweiligen individuellen Vokabular der drei eine mutige „komprovisierte“ Gegenwartsmusik. Idee hinter den Kompositionen war die, das Improvisationstrio, kollektiv oder als Einzelstimmen, auf unterschiedliche Weise mit ausgeschriebenen Klangfiguren in Verbindung zu bringen. Korrespondierend, sich reibend oder als unbegleitetes Echo. In Susanna Ridlers Komposition „Wir:ich“ formten sich aus leisen Geräuschereignissen kunstvoll verschachtelte, feinstoffliche Motive, einer ständigen Permutation und Modulation unterliegend, zu aufregender Architektur, gängig wie bizarr, die zudem durch jazzimmanente rhythmischen Variabilität in tänzelnde Schwingung versetzt wurde. Zunächst war nur dem Ensemble das Feld überlassen, ehe Puschnig exzentrische Ausfransungen mit geschmeidigen Melodiekürzel umgarnte. Ridler verfeinerte mit pointierten Lautimprovisationen, teils unterstützt von wohldurchdachten Elektronikeffekten, mit und ohne Ensemble, die Ereignishaftigkeit und ließ Spontaneität Einzug halten. Fein austariert war das Wir:ich-Verhältnis und versprühte Wagemut, Farbigkeit, Bewegungsenergie. Puschnig demonstrierte in seinem Stück „ruisseaux“, sein außergewöhnliches Vermögen als Melodiker, mit der bekannt bemerkenswerten Gabe der Konzentration auf Notwendiges. Dahinsegelnd über einem Konstrukt, wechselnd zwischen stakkatierender Sprunghaftigkeit und filigranen Andante-Strömen, erimprovisierte der Saxophonist kompakte Episoden mit der ihm eigenen, unvergleichlichen kantablen Narrativität.  Rhythmische Dringlichkeit, die häufig in neo-boppischem Vibrieren ausschlug, war ein weiterer bestimmender Faktor des Werkes. Mit seinen solistischen Beiträgen intensivierte Peter Herbert dessen Impetus. Auch vom harmonischen Bau her erwies sich Puschnigs Organisationsprinzip als Konventionellstes von den dreien, was dessen Aussagekraft jedoch nicht im geringsten minderte. Dafür bürgt alleine schon seine große künstlerische Integrität. Als Bassist wie auch als Komponist vermittelt Peter Herbert ein Höchstmaß an Originalität und Meisterschaft. In seiner Komposition „A, B, C…“ regt er eine relativ lose Interaktion zwischen den intuitiven Phantasmen des Trios und den harmonisch wie melodisch dehnbaren Formdefinitionen der Ensembleteile an. Ein gleichfalls metrisch wie rhythmisch offenes Verhältnis, das neben den ImprovisatorInnen auch dem Ensemble Momente zugesteht ungebunden zu extemporieren. Ridler brachte reine Klangfarbenimprovisationen von ausgesprochener Wandelbarkeit und Ausdrucksvielfalt in beachtlichem Tonumfang ins Spiel, während Puschnig und Herbert souverän jazztradierte Bezogenheit und freie Ausgelassenheit einfassten. Final ließ Herbert sein Stück in einem assoziativen, energischen Kollektivhappening ausklingen.

Jedes der drei Werke symbolisiert eine binäre Klangrede auf Ohrenhöhe, die in einer undogmatischen, gemeinsamen Wirksamkeit ihre Entsprechung findet. Hingewiesen muss noch darauf, dass das Ensemble XX. Jahrhundert im 21.Jahrhundert angekommen ist. Das aus jungen, engagierten MusikerInnen bestehende Ensemble präsentierte sich glänzend disponiert und kundig auf einem nicht so vertrauten Terrain, durch welches das umsichtige, dynamisch nuancierte Dirigat von Peter Burwik es entlang verwinkelter Gänge der Strukturen leitete und dabei ihr beträchtliches Potential ausschöpfen ließ.